by Hiltraut Tieden » Mon Feb 08, 2010 7:41 am
Here is the deciphered letter.
Hiltraut
I.
Estland, den 22. 8. 43
Meine Lieben!
Obwohl ich und mein
Kamerad Hein für gestern und heute
Sonntagsurlaub nach Dorpart* ein-
gereicht hatten, blieben wir doch zu
Hause und machten dafür einen
kleinen Überlandspaziergang.
Als wir gerade mit Himbeer-
pflücken aufgehört hatten, über-
holte uns ein Pferdegespann, das
wir anhielten, um bis zur nächsten
Ortschaft mitzufahren. In schnellem
Trab führte uns das Pferd auf einem
guten Landweg unserem vermeint-
lichen Ziele zu bis das Gespann
an einem Seitenweg abbog und
wo wir auch abstiegen. Wir gingen
an einen Bauernhof wo wir für
unser Mitbringsel Eier bekamen
und da sagte auch uns der Bauer
bei unserer Verständigung, daß
wir nun 9 km von unserem
Orte entfernt seien. Wir suchten
dann noch mehrere Bauernhöfe auf
bis wir unsern Brotbeutel mit
Eiern voll hatten und dann
traten wir, den Brotbeutel vor-
sichtig in der Hand, den Heim-
weg an. Obwohl etwas müde,
aber im Besitze von 40 schönen,
großen Eiern, welche als Erholungs-
zusatzkost für die angebrochene
Woche vorgesehen sind, kehrten wir
wieder am Abend in unser
Quartier zurück. Heute Nachmittag
als ich vom Himbeerpflücken aus
dem Walde zurückkam, kochte ich
mir, da mir ein geeignetes Ge-
fäß dazu fehlte, 20 meiner Eier
II.
mit noch weiteren 10 Stück eines
Kameraden im großen Waschkessel
ab. Indem ich schon so manches Ei
in letzter Zeit verdrückte, über-
legte ich mir schon oft, wie ich es nur
anstellen solle, damit auch Ihr
in den Genuß der heutzutage be-
sonders bei Euch daheim raren Pro-
dukten kommen solltet. Aber leider
ist mir noch keine Lösung ein-
gefallen. Frische Eier in einer
Feldpostschachtel zu verschicken, ist
nicht möglich, denn dies müßte be-
stimmt zu einem flüssigen Eier-
kuchen führen, wenn man bedenkt,
daß die hiesigen Eier eine verhält-
nismäßig dünne Schale aufweisen.
Abgekochte Eier werden kaum einen
Transport von 14 Tagen glücklich
überstehen, ohne zumindest Schaden
zu leiden. Über eine dritte Möglich-
keit habe ich mit meinem Kam.
Hein gesprochen, ob ich es wagen
solle die Eier aufzuschlagen und
in eine Flasche abfüllen und
gut verkorken solle. Dieser Gedanke
wurde von ihm aber nicht für
gut befunden und so nahm ich halt
davon Abstand. Wie gerne würde
ich Euch ein paar Eier zukomen
lassen, ich würde gerne auch auf
das letzte Ei verzichten. Wie Ihr aber
seht, werde ich kaum eine erfolg-
versprechende Lösung finden. Es tut
mir furchtbar leid Euch diese kleine
Aufmerksamkeit völlig versagen
zu müssen. Mit Freude sehe ich den
noch kommenden schönen Tagen hier
entgegen und grüße Euch aufrichtig!
als Euer Erich.
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Feldpost
Fam.
A. Preiß, Wtw.
Ludwigshafen-Oppau
Frankenthalerstr. Nr. 99
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Abs.: Gefr. Erich Preiß z.Zt. 59399
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*He might mean Dorpat, which would be Tartu?
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